II.BERLINER MUSIK-FILM-MARATHON 10.-24. April 2012

 © Costis Zouliatis

   

 

 

 

Jani Christou  Komponist

 

Geb. 8. Januar 1926 in Heliopolis; gest. 8. Januar 1970 in Athen. Besuch der Englischen Schule von Alexandria und Klavierunterricht bei der griechischen Pianistin Gina Bachauer (1913-1976), der bedeutendsten Pianistin des 20. Jahrhunderts. Studium der Philosophie an der University of Cambridge bei Ludwig Wittgenstein und Bertrand Russell; Abschluss 1948.

 

Während seines Philosophiestudiums nahm er privaten Kompositionsunterricht bei dem Alban Berg-Schüler Hans Redlich sowie bei dem katalanischen Komponisten und Arnold Schönberg-Schüler Roberto Gerhard. 1949 Aufenthalt in Rom und Instrumentationsunterricht bei dem berühmten Filmkomponisten Angelo Francesco Lavagnino (u.a. Orson Welles´ The Tragedy

of Othello: The Moor of Venice´, 1952). Aufenthalt in Zürich und Besuch der Vorlesungen C.G. Jungs.  

 

Christou's studies in psychology were greatly encouraged by his brother Evanghelos (himself a pupil of Jung) whom Christou considered his spiritual mentor and who exerted a strong influence on his creative thinking.

 

1951 Rückkehr nach Alexandria. 1956 Eheschließung mit der Malerin Theresia Horemi, die ihn maßgeblich unterstützte. Im selben Jahr kam sein einziger Bruder Evanghelos, ein Schüler C.G. Jungs, bei einem Verkehrsunfall zu Tode. Der Verlust des Bruders, der gleichzeitig sein Mentor war, hat Jani Christou tief getroffen und sein Schaffen nachhaltig geprägt. Er veranlasste dann posthum die Veröffentlichung dessen Buches ´The Logos of the Soul´.

1960 ließ sich das Paar auf der Insel Chios und in Athen nieder; Aufbau eines privaten Aufnahmestudios und Fortsetzung seiner kompositorischen Arbeit. Es entstehen für das griechische Nationaltheater und das experimentelle Art Theatre unter der Leitung von Karolos Koun die Werke Agamemnon, Der gefesselte Prometheus, Die Frösche, Persai und Ödipus Rex.

 

Jani Christou gilt als der bedeutendste Komponist und Neuerer seiner Generation; zahlreiche seiner Kompositionen wurden von namhaften internationalen Musikfestivals aufgeführt. Bei einem Verkehrsunfall in Athen kam Jani Christou 1970, an seinem 44. Geburtstag, ums Leben.

 

Christou´s untimely death left many projects incomplete, including the Oresteia, which would have received its world premiere at the English Bach Festival in London in April 1970, with further performances scheduled for France, Japan, America and Scandinavia.

 

Wäre Jani Christou nicht 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, er wäre heute [86] Jahre alt: ein Komponist der Generation Cages, Stockhausens oder Xenakis’, die nach dem Zweiten Weltkrieg als junge Avantgarde auszog, um den Begriff dessen, was Musik ist, neu zu definieren und bis an seine Grenzen auszuweiten. Diese Gründergeneration der musikalischen Avantgarde steht bis heute monolithisch für das Zeitgenössischen in der Musik: für ein neues künstlerisches Selbstverständnis, für die Neudefinition musikalischer Parameter, für die Erfindung neuer kompositorischer Techniken, für die Entwicklung neuer elektroakustischer Medien – sie steht, kurz gesagt, für so viel Neues, dass der von ihr begonnene Weg seither als groß geschriebene Neue Musik bezeichnet wird. (…) Auch Jani Christou gehört zu diesen eigengesetzlichen Neuerern; von den erfolgreichen Kollegen seiner Generation unterscheidet ihn indes eines: Kaum jemand kennt ihn. Sein früher Tod hinterließ einen kompositorischen Torso, einen künstlerischen Anfang, dessen fehlende Fortführung direkt ins Vergessen führte. Jani Christou ist zum Gegenstand der Archäologie geworden, während andere Teil einer lebendigen Aufführungspraxis geblieben sind.


Berno Odo Polzer: Aktuelles aus der Vergangenheit. Zur vergessenen Musikkonzeption des Jani Christou, in: Katalog Wien Modern 2003, hrsg. von Berno Odo Polzer und Thomas Schäfer, Saarbrücken: Pfau 2003 

Jani Christou: A Music of Confrontation, in: Katalog Wien Modern 2003, hrsg. von Berno Odo Polzer und Thomas Schäfer, Saarbrücken: Pfau 2003 


Even though today he remains a great stranger, Jani Christou (1926-1970) stands among the greatest figures of the 20th century music avant-garde. His work is characterized by a rare uniformity and consistency, regarding not only the pioneering means which he introduced in the world of sounds and the innovatory music systems, but also his own philosophical universe which runs through and inspires his compositions: the myth, the transcendent, the mysticism, the primordial, the ritual, the unapproachable, the panic, the hysteria… Furthermore, every single Christou work resembles a desperate call to primitive human instincts and finally delivers a wide range of emotional standards, forcing all communicants of his art to severe and even extreme reactions considering the energy impact the performances of his works often have on audiences around the world. With Christou’s early death in a tragic accident, on his birthday, in January 8th 1970, the world of contemporary music lost one of the most thrilling and provocative talents.

The documentary attempts to illustrate the personality and the spirit of this great thinker of art and follow the path of his short life, which has always been interwoven with art and his meaning

of offering to humanity and civilization. Through the presentation of composer’s works and rare audiovisual documents, as well as interviews with all the creative and friendly circle in which Christou was linked, the film toils to bring us closer to the mystery that this great artist left

behind and, at a second reading, sets the concern for all the great moments of art that sometimes historical and era circumstances hide in their shadows.


Costis Zouliatis, director of ANAPARASTASIS: LIFE & WORK OF JANI CHRISTOU


 

Freitag 13. April 2012                                                                                             20.00 Uhr

 

ANAPARASTASIS: LIFE & WORK OF JANI CHRISTOU (1926-1970) (GR 2012)

Regie: Costis Zouliatis

95 min, engl. UT,  deutsche Erstaufführung

In Anwesenheit von Costis Zouliatis


 

Werke (Auswahl)

 


1967/70Oresteia (unvollendete Oper nach Aeschylos)
1969
Ödipus Rex 
1968 Anaparastasis I (´The Baritone´) für Bariton, Kammerensemble und kleinen Chor
 Anaparastasis III (´The Pianist´) für Instrumentalensemble, Zuspielbänder und einen Schauspieler 
 Anaparastasis IV
 Epicycle (für Instrumentalensemble, Schauspieler und Vokalisten)
1967Anaparastasis II 
1966/67  The Strychnine Lady (für Solisten und Orchester)
1966
Die Frösche
 Mysterion (für Orchester, Chor und Solisten/Prolog und Sprechertext, Zuspielbänder) 
 Praxis für 12 (für Streichorchester und Klavier)
1965/68Enantiodromia (für Orchester)
1965/66 Mysterion (Oratorium)
1965 
Persai (Musik für Aischylos´ Drama)
 Agamemnon
1964  Zungen aus Feuer (Oratorium)
1962Toccata für Klavier und Orchester
1957/58 Symphonie Nr. 2
1955/57 Sechs T. S. Eliot Songs (für Klavier, Orchester und Mezzosopran) 
1953Missa Latina
1949/50 Symphonie Nr. 1  
1949
Phoenix Musik (für Orchester)

 

 

Literatur

 

Berno Odo Polzer: Aktuelles aus der Vergangenheit. Zur vergessenen Musikkonzeption des Jani Christou. In Berno Odo Polzer & Thomas Schäfer (Hg.): Katalog Wien Modern 2003. Pfau Verlag, Saarbrücken 2003

Anna-Martine Lucciano: Jani Christou, Works and Personality of a Greek Composer of Our Era. Harwood Academic, 2000

Klaus Angermann (Hg.): Jani Christou. Im Dunkeln singen. Wolke Verlag, Hofheim 1993


http://anaparastasis.info

www.janichristou.com

www.wienmodern.at

 

 

 

           
JANI CHRISTOU Bestell-Nr. / P/O No.: ed. RZ 1013 / CD
01. Enantiodromia für Orchester, 1965 - 68
(J. Christou Archiv, Athen 1969)
Oakland Symphony Orchestra
Leitung: Gerhard Samuel 
12:04
02. Praxis für Streichorchester und Klavier, 1966-69
(NDR 1973)
Rundfunkorchester Hannover des NDR
Klavier: Georges Pludermacher
Leitung: Michel. Tabachnik
 
09:32
03. Epicycle (Tonbandfassung), 1968
(J. Christou Archiv, Athen 1968)
Janni Christou
 
09:33
04. Anaparastasis III,
´The Pianist` für Instrumentalensemble,
Zuspielbänder und einen Schauspieler, 1969
(J. Christou Archiv, Athen 1969)
Schauspieler: Grigoris Semitekolo
Ensemble ´musik unserer zeit´
Leitung: Theodore Antoniou
 
11:13
05. Mysterion Prolog und Sprechertext (Zuspielbänder), 1965-66
(J. Christou Archiv, Athen 1969)
05:00
06. Anaparastasis I, ´The Baritone` für Bariton und Kammerensemble
mit kleinem Chor, 1968
(BR 1977)
Bariton: Spyros Sakkas
Ensemble ´musik unserer zeit´
Sinnhofer-Quartett
Chor des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Jaroslav Opela 
10:55
07. Praxis for 12 für 11 Streicher und einen Pianisten, 1966
(J. Christou Archiv, Athen 1967)
Orchestra da Camera dell´Accademia
Klavier und Leitung: Piero Guarino
 
09:00
Edition RZ, Berlin (2001)
Gestaltung: Nicolaus Ott + Bernard Stein, Christine Berkenhoff
Diese CD entstand in Zusammenarbeit mit Noch Musik
 
Auszug aus dem Booklet:

ENANTIODROMIA (...) bedeutet nach Heraklit entgegengesetzte Wege und Ströme, die einander gleich sind: Antithese und Synthese vereinen sich.
Die hier vorliegende Aufnahme wurde vom Komponisten im Studio abgemischt,

das Ausgangsmaterial stammt von den Konzertmitschnitten in Oakland.

Jan Christou über ENANTIODROMIA:
»Wenn Patterns als wiederkehrende Formen verstanden werden, die unausweichliches Handeln vorgeben, dann ist Heraklits Vorstellung über das Spiel der Gegensätze - Enantiodromia - möglicherweise von allen das schonungsloseste Muster. Heraklit spricht von einer dauernden Transformation von Gegensätzen in einem ewigen Fluß. Ein Zustand und sein Gegenteil sind dasselbe, nur in verschiedenen Oszillationsstadien: ´Der Weg hinauf und der Weg hinunter sind

ein und dasselbe´.
Zusammen formen diese zwei Wellen einen dynamischen Kreis der Spannung, in dessen Umfang ihr Anfang und Ende unaufhörlich verschmelzen.«
(...)
PRAXIS für Streichorchester und Klavier (1966-69) ist die zweite Version der Komposition PRAXIS FOR 12, (...) die Christou für die 1. Hellenische Woche Zeitgenössischer Musik 1966 schrieb. (...) Christou arbeitet hier mit Patterns -

er bezeichnet sie als ein unabhängiges System musikalischer Ereignisse, das durch eine Serie von Spezifizierungen kontrolliert wird -, für welche er jeweils graphische Symbole entworfen hat.

EPICYCLE (1968) für Instrumente, Schauspieler und Stimmen (Kontinuum und Ereignisse) war eine Auftragsarbeit für die 3. hellenische Woche für Zeitgenössische Musik in Athen. (...)

ANAPARASTASIS III »The Pianist« (1968-69), engl. proto-performance. Für die Realisation von solchen Proto-Aufführungen entwickelte Christou eine auf Klangmustern basierende Kompositionstechnik und eine besondere Notation.

MYSTERION (1965-66) basiert auf altägyptischen Mysterien und Mythen. Die Uraufführung sollte 1970 in Kopenhagen stattfinden. (...) Durch den überraschenden Tod von Christou im Januar 1970 entstand lediglich eine aus Probeaufnahmen zusammengestellte, vom Dänischen Rundfunk produzierte Dokumentation des gesamten Werkes.

 

FMP FREE MUSIC PRODUCTION Distribution & Communication

Markgraf-Albrecht-Str. 14, 10711 Berlin | Tel. +49 30 3237526 | Fax +49 30 3249431
fmp.distribution@t-online.de