II.BERLINER MUSIK-FILM-MARATHON 10.-24. April 2012
         

 

 

 

 

 

Luigi Nono Komponist

 

Lebendig ist, wer wach bleibt und sich anderen schenkt, das beste hergibt, niemals rechnet (Aus: Intolleranza).

 

Geb. 29. Januar 1924 in Venedig; gest. 8. Mai 1990 ebenda.

Seine Eltern gaben ihm den Vornamen seines Großvaters, der ein bedeutender Maler aus der venezianischen Schule des 19. Jahrhunderts war. Als Gymnasiast erhielt er Klavierunterricht; ab 1941 Kompositionsunterricht bei Gian Francesco Malipiero am Konservatorium Accademia musicale Benedetto Marcello in Venedig. Auf Wunsch des Vaters von 1942-1946 Jurastudium und Promotion in Padua. Begegnung mit Bruno Maderna, bei dem er privaten Kompositionsunterricht nahm. Beide besuchten 1948 im Rahmen der Biennale in Venedig einen Dirigierkurs bei Hermann Scherchen, den Nono anschließend auf eine Konzertreise nach Zürich und Rapallo begleitete. Über Scherchen erhielt Nono Zugang zur Musiktradition des deutschen Sprachraums, insbesondere zur Musik und zum musikalischem Denken der zweiten Wiener Schule.

 

1955 Heirat mit Nuria Schönberg, die er im Jahr zuvor in Hamburg bei der Uraufführung der Oper ´Moses und Aron´ ihres Vaters Arnold Schönberg kennengelernt hatte. Von 1950-1960 Teilnahme an den Kranichsteiner/Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, dabei wurden insgesamt sieben seiner Kompositionen aufgeführt; von 1957-1960 war er dort auch als Dozent tätig. Gemeinsam mit Komponisten wie Pierre Boulez , Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio gehörte er zu den bedeutenden Vertretern der Nachkriegs-Avantgarde und galt in den 1950er Jahren als einer der führenden Vertreter der neuen Seriellen Musik der Darmstädter Schule. 

1952 wurde Nono Mitglied der KPI (Kommunistische Partei Italien), in der er zeitlebens auf lokaler und nationaler Ebene aktiv war. Sein vielleicht bekanntestes Werk, ´Il canto sospeso´ für Sopran-,  Alt- und Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester, wurde 1956 in Köln uraufgeführt. Es handelt sich um eine Vertonung von Abschiedsbriefen zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer. Nono strebte dabei eine Musikalisierung des Textmaterials an, indem er die Sprache in Silben zerlegt und ihren musikalischen Gehalt dadurch kompositorisch verfügbar machte.

 

Bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik Begegnung mit Helmut Lachenmann, den er nach Venedig einlud und der dort zwischen 1958 und 1960 Nonos einziger Schüler war.

Ab 1960 lehrte Nono u.a. in Polen, in der UdSSR, der CSSR und der DDR, an der Dartington Summerschool of Music sowie an der Universität in Helsinki. Es entstand die erste elektronische Komposition ´Omaggio a Emilio Vedova´. Elektronische Klänge spielten auch in der 1960/61 entstandenen Oper INTOLLERANZA eine wichtige Rolle. Das Stück erweiterte das Konzept des Gesamtkunstwerks auf die kontrapunktische Verbindung von Bühnenbild, Bildprojektionen, Musik (inklusive Tonband und Lautsprecher) und Raum. Die Uraufführung in Venedig löste heftige Proteste aus. Trotz der avancierten Tonsprache in INTOLLERANZA richtete sich die politische Botschaft der Oper nicht nur an das bürgerliche Opernpublikum. Vielmehr legte Nono darauf Wert, dass seine Werke in allen sozialen Schichten rezipiert wurde: Im Jahr 1962 wurden erstmals Diskussionskonzerte mit Aufführungen von Werken Nonos in italienischen Fabriken organisiert, die bis zu 5.000 Zuhörer anzogen. Mit der szenischen Aktion INTOLLERANZA, einem Protest gegen Flüchtlingselend, Diskriminierung und Ausbeutung, wollte er 1960 eine völlig neue Form von Musiktheater schaffen.

Nono befasste sich in jenen Jahren intensiv mit Theoretikern des modernen Theaters wie Meyerhold und Piscator, mit Philosophen wie Sartre und Gramsci sowie der Lyrik von Lorca, Neruda, Eluard und Pavese. Zusammenarbeit durch Vermittlung Erwin Piscators mit Peter Weiss; später mit dem Living Theatre. Wichtige Wegbegleiter waren der Dirigent Claudio Abbado und der Pianist Maurizio Pollini.

Im Februar 1968 nimmt er zusammen mit Rudi Dutschke an der Internationalen Vietnam-Konferenz in Ost-Berlin teil.

 

Seit 1969 rege Korrespondenz über politische Fragen mit dem Parteifreund Giorgio Napolitano (dem heutigen Staatspräsidenten Italiens), der während seines Jurastudiums Theater- und Musikkritiken schrieb. Während Nono sich für Kuba und die Revolution engagierte und für die Dritte Welt stark machte, setzte Napolitano mehr auf eine Ost-West-Entspannung.

Beispiele für sein gesellschaftliches Engagement finden sich in den Stücken über Intoleranz und Gewalt gegenüber Flüchtlingen (INTOLLERANZA, 1960/61), über die Folgen eines Atomkrieges (´Sul ponte di Hiroshima´, 1962), über entfremdete Arbeit (´La fabbrica illuminata´, 1964), über den Holocaust (´Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz´, 1965), den Spanischen Bürgerkrieg (´Epitaffio a Federico Garcia Lorca´), antifaschistischen Widerstand (´Il canto sospeso´), oder die Studentenrevolte der späten 1960er Jahre (´Musica-Manifesta n.1´).

Ab 1960 widmete er sich - beginnend mit seiner ersten Tonbandkomposition ´Omaggio a Emilio Vedova´ - vor allem der Erforschung klanglicher Möglichkeiten der elektronischen Musik und begann seine langjährige Zusammenarbeit mit Hans Peter Haller im Freiburger Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung. Auch andere namhafte Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Dieter Schnebel, Paul-Heinz Dittrich, Hans Zender, Bryan Ferneyhough, Emanuel Nunes, Vinko Globokar u.a. haben sich der einzigartigen Möglichkeiten des Experimentalstudios bedient.

 

In den 1970er Jahren Begegnung und künstlerische Zusammenarbeit mit dem Philosophen Massimo Cacciari, dem einstigem Mitglied von Potere operaio und späteren Bürgermeister Venedigs (1993-2000 und 2005-2010). Cacciari schrieb für ihn das Libretto zu ´Io, frammento dal Prometeo´(1981) und ´Prometteo. Tragedia dell´ ascolto´ (1984/85). In den Libretti sind Textfragmente von Dichtern wie Ovid, Rilke und Hölderlin eingearbeitet. Für die von Claudio Abbado dirigierte Uraufführung 1984 in der venezianischen Kirche San Lorenzo entwarf der Architekt Renzo Piano eine Holzstruktur, die als Resonanzraum die Töne verstärken sollte. Der Maler Emilio Vedova übernahm die Lichtregie. 

 

Von 1986-1987 lebte Nono auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin;

1990 erhält er den Großen Berliner Kunstpreis für Musik.

 

..Revoluzzer und Romantiker, war er Realist bei der kompositorischen Konstruktion, Phantast im Umgang mit Farben und Schwingungen, Utopist in dem Glauben, ausgerechnet den Lohnabhängigen mittels Cluster und Elektronik politische Botschaften vermitteln zu können“ (DER SPIEGEL 20/1990).

 

In Nonos Spätwerk steht die Erkundung des Klangs und der Prozess seiner Entstehung im Zentrum. Das Wandern des Klangs durch den Raum mittels entsprechender Lautsprecheranordnung eröffnet  so dem Hörer immer wieder überraschende Klangerlebnisse. Eng verknüpft mit dem Aspekt des Wanderns ist die Suche nach immer neuen Klängen und Wahrnehmungsperspektiven; das Suchen wird zum eigentlichen Ziel des Komponierens, das dem ästhetischen Prinzip eines ständigen Wandels folgt.

In Abgrenzung zum strengen Serialismus Karlheinz Stockhausens fand er auch in seinem Spätwerk die Verbindung von höchster Subjektivität und strengster Architektonik.
 

Das ´Archivio Luigi Nono` wurde 1993 auf Initiative von Nuria Schönberg-Nono gegründet, um den Nachlass Luigi Nonos integral zu erhalten, d.h. die musikalischen Manuskripte, Skizzen und vorbereitenden Studien; das Tonband- und Kassettenarchiv, die Aufnahmen der Werke Nonos, Material- und Arbeitsbänder für die Erstellung seiner elektronischen Kompositionen sowie Interviews; Manuskripte zu Aufsätzen, Artikeln, Vorträgen und Vorlesungen; die Korrespondenz; die Bibliothek mit über 10.000 Bänden, (viele mit handschriftlichen Randbemerkungen), die Nonos vielseitige Interessen widerspiegelt: Musik, Literatur, Politik, Philosophie, bildende Kunst und Wissenschaft; Konzertprogramme, Rezensionen und Zeitschriftenartikel. Das Fotoarchiv enthält Videobänder zu Leben und Werk, die Diskothek mehr als 1.200 Schallplatten und andere Tonträger.

 

Was an und in Venedig auch beeindruckt: Die Tafel zu Ehren Luigi Nonos für "il maestro di silenzio".

Hinfahren, angucken, nachdenken.

 

Freitag 20. April 2012                                                                                             18.00 Uhr

 

INTOLLERANZA. LUIGI NONO´S SCENIC ACTION AS SEEN TODAY ( 2004) 
Buch, Regie: Bettina Ehrhardt

Mit: Koffi Kôkô, Nuria Schönberg-Nono, Emilio Vedova, Luigi Pestalozza, Heinz Klaus Metzger, Helmut Lachenmann, Daniel Charles, Massimo Cacciari, Agathe, Yoshi, Ola, Nielitz und Nelson Koffi, Manu Moginot

Sprecher: Ulrich Mühe
60 min., HDCam

In Anwesenheit von Bettina Ehrhardt

 

www.luiginono.it

www.schott-music.com

www.ricordi.it


 

Literatur


Corina Kolbe: Das Hören auf den Kopf stellen, in: ZEIT online vom 8.5.2010 (www.zeit.de)

Nanni Matteo Nanni: Auschwitz – Adorno und Nono. Philosophische und musikanalytische Untersuchungen. Rombach, Freiburg im Breisgau 2004
Andreas Wagner (Hg.): Luigi Nono. Dokumente, Materialien, Pfau Verlag 2003
Ulrich Engel: „Gedenke dessen, was sie dir in Auschwitz angetan haben.“ Peter Weiss’ Oratorium „Die Ermittlung“ und Luigi Nonos Komposition. In: Peter-Weiss-Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. und 21. Jahrhundert. Bd. 12 (2003)

Matthias Kontarsky: Trauma Auschwitz. Zu Verarbeitungen des Nichtverarbeitbaren bei Peter Weiss, Luigi Nono und Paul Dessau. Pfau, Saarbrücken 2001

Jürg Stenzl: Luigi Nono. Rowohlt Verlag, Reinbek 1998

Jürg Stenzl: Carla Henius und Luigi Nono – Briefe, Tagebücher, Notizen. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1995

Werner Linden: Luigi Nono’s Weg zum Streichquartett – Vergleichende Analysen zu seinen Kompositionen „Liebeslied“, '.....sofferte onde serene...' und „Fragmente-Stille, An Diotima“. Bärenreiter, Kassel 1989

Jürg Stenzl (Hg.): Luigi Nono. Texte, Studien zu seiner Musik. Atlantisverlag, Zürich 1975