II.BERLINER MUSIK-FILM-MARATHON 10.-24. April 2012
       

Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza

 

 

 

 

 

 

Theo Gallehr   Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent

 

Geb. 15.07.1929 in Lehr; gest. 02.09.2001 Hamburg.

Kneipenwirt in München und bis zu seinem Rausschmiss 1962 Fernseh-Regisseur beim Bayerischen Rundfunk. Begegnung mit Rolf Schübel, der sein Regie-Assistent wurde. Später arbeiteten sie als ´Cinecollectiv´ zusammen. Zu ihren gemeinsamen Dokumentarfilmen für den WDR und NDR gehören beispielsweise Der deutsche Kleinstädter (1968) und Rote Fahnen sieht man besser (1970/71), die jeweils mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurden. Dieser Film war gewissermaßen der Auftakt für ein neues Filmgenre in der Bundesrepublik, den sogenannten „Arbeiterfilm”.

1971 und 1972 erhielten Theo Gallehr und Rolf Schübel den Preis der Deutschen Filmkritik (FIPRESCI).

 

Filmografie

 

1981-1984 La Piedra - Ein Leben (Regie)
1976 Rosinen im Kopf (zusammen mit Rita Quittek)
1973 Drei und Drei (Regie, Darsteller)
1971/72 Arbeitskampf 1971/72 (Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)
1970/71 Rote Fahnen sieht man besser. (Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)
1970

Trau keinem über 30? Über das Schlagwort vom Generationskonflikt

(Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)

1970 Ausbeutung der Lehrlinge (Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)
1969
Das 20-Milliarden-Ding - Über Konsum und Konsumzwang bei Jugendlichen

(Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)

1969

Newark - Stadt im Quadrat (Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)

Zwischen Wohlstand und Klassenkampf.

(Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)

1967/68 Landfriedensbruch - das Protokoll einer Denkmalentweihung

Hamburg unterwegs ins Jahr 1968. Gerade ist Benno Ohnesorg erschossen worden. Die StudentInnen planen ein politisches Happening: Das Wißmann-Denkmal soll stürzen Polizisten üben im Schießkino. Mit experimenteller Kamera zeigt der Regisseur Theo Gallehr lakonische Schwarzweißbilder über die Widersprüche eines besonderen Zeitalters.

Mit: Rolf Schübel, Sibylle Nabel, Dirk Siefer, Peter Flak

Die Ausstrahlung des Films wurde seinerzeit vom NDR verboten. Erst 20 Jahre später, im Oktober 1988, wurde der Film im Fernsehen erstmals ausgestrahlt.

1967 NUOVA CONSONANZA. KOMPONISTEN IMPROVISIEREN IM KOLLEKTIV
1968

Der deutsche Kleinstädter (Buch, Regie: Theo Gallehr und Rolf Schübel)

 

frühere Filme (Fernseharbeiten) konnten in der Kürze der Zeit leider nicht recherchiert werden.

  

Fundstücke

 

Im „Deutschen Herbst“ 1977 war Theo Gallehr mit einem Aufnahmeteam unterwegs, um Tonaufzeichnungen zu machen für ein Projekt, das „Gesprochene Geschichte“ hieß. Plötzlich waren sie konfrontiert mit jener Stimmung, die als „Deutscher Herbst“ in die Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik eingegangen ist. Gallehr und sein Team haben sich mit an die Stammtische gesetzt und mitgeschnitten, was da in aller Öffentlichkeit so frank und frei geredet wurde. Die Aufnahmen wurden zu einem O-Ton-Hörspiel verarbeitet, ein Stück Zeitgeschichte von beklemmender Authentizität, das bestürzende Einblicke in die Volks-Seele einer „wehrhaften Demokratie“ liefert. (Hörspiel von Theo Gallehr: „Wer hat Angst vor dem Milchmann?“, Radio Bremen 1979)

 

Immer Ärger“ titelte DER SPIEGEL in seiner Ausgabe 5/1970, und „widerborstig“ sei „er schon immer gewesen, seinen Arbeitgebern“ sei er „oft genug gegen den Strich“ gegangen:“1962 wurde der Hamburger Fernseh-Regisseur Theo Gallehr vom Bayerischen Rundfunk fristlos entlassen, weil er in einer TV-Glosse den Weltkongreß des Schneiderhandwerks verhöhnt hatte.

Der Artikel über die Arbeiten Theo Gallehrs und Rolf Schübels zwischen 1968 und 1970 ist nachzulesen auf www.spiegel.de/spiegel/print/d-45226378.html

 


 

Sonntag 15. April 2012                                                                                           18.00 Uhr

 

NUOVA CONSONANZA. KOMPONISTEN IMPROVISIEREN IM KOLLEKTIV (BRD 1967) 

Buch, Regie: Theo Gallehr

 

 

Kamera: Nils Peter Mahlen

Schnitt: Rosemarie Quast

Mit: Mario Bertoncini (percussion, prepared fortepiano), Walter Branchi (bass), Franco Evangelisti (piano), John Heineman (trombone, cello), Roland Kayn (hammond organ, vibes, marimbaphone), Ennio Morricone (trumpet), Ivan Vandor (tenor sax), Frederic Rzewski (Interview)
47 min., Beta SP

 


Brief von Rosemarie Stenzel (vormals Quast)

 

liebe helma schleif,

 

es hat mich sehr berührt, dass sie erinnerung geweckt haben an einen lieben freund und frühen wegbereiter zu meinem immer noch geliebten handwerk (was mir natürlich auch viel im sinne von denken und vermitteln bedeutet): theo gallehr.

 

NUOVA CONSONANZA: ich kann es kaum fassen, fast ein halbes jahrhundert her; nach einem kurzen intermezzo bei stern tv, der verlag gruner & jahr wollte sich damals mit hilfe seiner vielen schreiber in den neuen medien etablieren,- arbeitete ich freischaffend als cutterin für die kulturredaktion des ndr. meine

erste begegnung dort im schneideraum war bazon brock, die zweite theo gallehr.

dass er ein aussenseiter-, und bis heute kaum mehr bekannt bleiben sollte, wäre mir damals noch unbegreiflich gewesen. aber das ist ein anderes thema.

was theo gallehr damals als konzept und in kisten (persönlich) anschleppte, war schon damals aussergewöhnlich; mindestens 7-8 stunden 16 mm material, chronologisch von nur einem kameramann gedreht, durchgehend ohne punkt und komma.

schnittmaterial um zeitsprünge zu überbrücken, gab es nicht; wie sollte daraus ein film von einer stunde entstehen? beim ersten anschaun des materials waren wir beide euphorisch, beim zweiten ratlos, beim dritten anschaun entschlossen, einen film zu schneiden, der aussehen sollte, als wäre er in einer einstellung durchgehend gedreht.

hier möchte ich den cutter-jargon verlassen: theo gallehr hatte wunderbares glück mit seinem kameramann (….), der offensichtlich während der dreharbeiten von der intensität und dichte der situation so sehr erfasst war, wie gallehr selbst. er führte die kamera intuitiv, ohne nachzudenken. 5 komponisten (……) aus verschiedenen kulturkreisen, die sich nicht einmal sehr gut kannten, aber schätzten, treffen sich in rom, um ein gemeinsames werk per improvisation zu schaffen.

 

im film wird der zuschauer in diesen kreativen prozess einbezogen als wäre er persönlich anwesend; es geht fast soweit, als wäre er an dieser kreativen schöpfung beteiligt. die selbstkritik der komponisten gegen ende des films ist ehrenwert, aber insbesondere deren urteil aus heutiger perspektive wäre interessant. Ich denke, sie würden ihre kritik zurückziehen.

 

theo gallehr wurde ein grosser verehrer von richard leacock, einem der frühen filmemacher mit der „living camera“. dass er mit diesem film vielleicht unbewusst an diese tradition anknüpft, an den anspruch, dass sich eine Ästhetik „ergibt“, wenn es im film darum geht, “mit dem gefühl dabei zu sein“, und nicht darum „wahrheit zu vermitteln“.

der film geht darüber hinaus, nur workshop zu sein, es geht darum, seh-gewohnheiten zugunsten von wahrnehmung zu verändern.

ein kleines nachwort zu gunsten einer art selbstbefriedigung: ich habe mich immer über den begriff “amphibischer film“ geärgert. unterm strich bedeutet es nichts anderes, als kinofilm und fernsehfilm unter einen hut zu kriegen und damit die vermarktung zu vereinfachen, mit öffentlich-rechtlicher unterstützung. man sollte aber mal darüber nachdenken, ob kinofilme im fernsehen funktionieren und umgekehrt. kinofilme bauen auf identifikation, fernsehfilme dagegen dürfen durchaus auf intellektuelle distanz setzen. Es gibt natürlich ausnahmen: NUOVA CONSONANZA könnte so eine sein. ein intellektuelles produkt, fürs fernsehen konzipiert, hat evt. so eine emotionale komponente auf grund seines ästhetischen konzepts, dass es den zuschauer im kino teilhaben lässt, als wäre er mitten im enstehungsprozess.

ich freue mich darauf, den film im kino zu sehen.

 

mit ganz lieben grüssen

 

rosemarie stenzel, 12. März 2012